Trennlinie

Keine Angst vor den Großen!

So schwindet die Grenze zwischen Kindergarten und Schule: Beim Modellprojekt „Bildungshaus 3–10“ spielen und lernen jüngere und ältere Kinder gemeinsam.

Der Donnerstag ist immer ein besonderer Tag: Dann besucht die Igelgruppe die Tullaschule. Vom katholische Kindergarten St. Bernhard sind es zur Schule ein paar Hundert Meter, beide Einrichtungen liegen im Karlsruher Stadtteil Oststadt. Für kurze Kinderbeine schon ein kleiner Marsch – aber er lohnt sich: Heute zum Beispiel dürfen die Igel-Kinder in die Schulsporthalle zum Turnen. Auf einer Sprossenwand klettern sie emsig nach oben, springen über Hindernisse und kullern über die Gymnastikmatten. Dabei sind die Steppkes nicht alleine: Zehn Kinder der Tullaschule verstärken die Gruppe, zusammen sind es 20 Kinder. Eine Erzieherin und ein Lehrer betreuen die Kinderschar und leiten sie an.

Modell für Deutschland

„Bildungshaus 3–10“ heißt das Projekt, das bei deutschen Bildungsforschern zurzeit viel Aufmerksamkeit findet. Im Kern geht es darum, dass benachbarte Kindergartenkinder und Grundschüler zu bestimmten Zeiten gemeinsam spielen und lernen. Ziel: Kindergarten und Schule, bislang zwei strikt getrennte Einrichtungen, sollen zusammenwachsen. Nicht nur in Karlsruhe, auch an 32 weiteren Orten in Baden-Württemberg wurden vor drei Jahren Kindergärten und Schulen für das Experiment ausgewählt. Beworben hatten sich dreimal so viele.

„Wir waren selbst von dem großen Interesse überrascht“, berichtet Projektleiterin Michaela Sambanis vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) in Ulm. Sie begleitet mit 36 Mitarbeitern das auf fünf Jahre angelegte Vorhaben. Bezahlt wird die wissenschaftliche Arbeit im „Ländle“ aber vom Bundesbildungsministerium in Berlin; die Ergebnisse sollen für alle Bundesländer verfügbar sein. Woher kommt der Wunsch so vieler Kindertagesstätten und Schulen, mit doch recht unterschiedlichen Zielgruppen gemeinsame Stunden abzuhalten, Ausflüge zu unternehmen und Feste zu feiern? Hört man den Leitern der beiden Modell-Einrichtungen in Karlsruhe zu, wird klar: Die Sache bereitet den Erwachsenen und Kindern zunehmend einfach Freude.

Auch Schüler profitieren

„In unserem Kindergarten herrscht eine sehr behütetet Atmosphäre, daher hatten manche Eltern schon mal Ängste, wenn die Kinder in die Schule kamen. Mit dem Projekt ist das jetzt aber ganz anders“, berichtet Michaela Krimmel, Leiterin des Katholischen Kindergartens St. Bernhard. Und ihr Amtskollege Michael Brischar von der Tullaschule sagt: „Wenn unsere Schüler mit den Kindergartenkindern lernen, können sie ihr Können und Wissen zeigen. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Außerdem können wir sofort mit Fördermaßnahmen reagieren, wenn Kinder in die erste Klasse kommen.“

So profitieren beide Seiten von der ungewöhnlichen Zusammenarbeit, die kleinen wie die größeren Kinder. Und die hat auch ganz praktische Vorteile: Die beiden Institutionen ergänzen sich mit ihrem Raum- und Materialangebot. So hat die Tullaschule neben einer voll ausgestatteten Turnhalle z.B. Karten, Globen oder Experimentiermaterial zu bieten. Im Kindergarten finden die Grundschüler bei ihren Gegenbesuchen Dinge, die es nicht an der Schule gibt. Dazu zählt Kindergartenchefin Michaela Krimmel auch eine ungezwungene Atmosphäre. „Die Schulkinder verhalten sich bei uns oft offener als in der Schule. Dadurch sind sie für die Lehrer anders erreichbar.“

Ohne Anleitung

Wie das bei echten Projekten so ist, betreten die Beteiligten Neuland, und da ist am Anfang immer offen, wie es ausgeht. So haben die 33 „Bildungshäuser 3–10“ zwischen Konstanz und Mannheim keine Anleitung in die Hand bekommen, in der stand, was man mit Kindern zwischen drei und zehn Jahren auf die Beine stellen kann.


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